Montag, 16. April 2012

Es war ein langer Tag..

Nachträglicher Post!


.. Ein Tag, der wie ein  junges Pferd umher sprang, buckelte, andauernd das Tempo änderte und mich einige Male sogar bäumend abwerfen wollte. Anfangs ging es mir gut, ich nahm all meine Kraft zusammen, versuchte einfach zu sein. Und es gelang sogar für eine gewisse, begrenzte Zeit, dann setzten wieder die Zweifel ein und das Unbehagen huschte zurück, beschlich mich wieder und ließ mich ein Mal mehr spüren, wie gebrochen doch meine Seele ist.
Doch all das nahm noch unerwartet zu später Stunde eine radikale Wendung - wir saßen in der kleinen, familiären Parfümerie eines Ägypters und dessen Cousins. In kürzester Zeit entstand eine sehr rege, angenehme Unterhaltung, die mit ihrer Dauer immer mehr vom eigentlichen Thema, dem Kauf der Ware, abgeschweift ist. Es war, als würde die Luft vor Spannung knistern, so emotional geladen war der Moment, als der Cousin des Ladenbesitzers, der bis jetzt das Gespräch stumm von einem Stuhl in der Ecke des Raumes verfolgt hatte, zum ersten Mal seine Stimme erhob. In gebrochenem Englisch berichtete er von seinem Leben, dass er aus einem reichen Hause komme und somit die Möglichkeit gehabt hatte, zu lesen.
Er erzählte, wie er alles in Frage stellte, dass er kein Verständnis für die herzlosen Sitten der "alten Muslime" finde und sich selbst mit der liebevollen Bezeichnung "VMM" versah, einen "very-modern-moslem", dabei huschte ein flüchtiges Lächeln über sein hartes Gesicht. Er redete über all die Korruption in seinem Land, die fehlende Moral und wie verbittert alle ihre Augen vor Negativem verschlossen. Dass er Bücher geschrieben habe, die nie jemand veröffentlichen wollte.
Es war unglaublich wie intelligent er war. Wie mit all seinen Emotionen und Kraft die Worte aus seinem Mund sprudelten. Ich hing wie gebannt an seinen Lippen, gar besessen. Während er sprach, bebte er vor Erregung. Sein ganzer Körper zitterte und sein Atem ging schnell und unregelmäßig.
Er erklärte uns, dass man in ihren Schulen eingetrichtert bekomme, dass man allem misstrauen solle, dass fremd oder anders ist. Wie einer Stopfgans wird es einem in den Rachen geschoben, bis man selbst davon überzeugt ist.
Er machte eine Pause, holte seine Geldbörse hervor und hielt uns zwei Fotos entgegen. Bilder seiner Familie. Er strahlte so sehr, als er uns von seinem Sohn erzählte und seine Augen fingen an glühen wie die hellsten Sterne, als er das Foto seiner Frau herzeigte. Er bezeichnete aber und abermals als wunderschön. Die schönste Frau auf diesem Planeten. Die Art mit der er das Bild ansah während er das sagte, war so rührend, so voll purer Liebe, dass mir Tränen in die Augen stiegen.
Und genau in diesem Moment wünschte ich mir zum aller ersten Mal wirklich, zu jemandem zu gehören. Zum ersten Mal konnte ich mir vorstellen, bei jemandem bleiben zu wollen. 
Er erzählte uns noch, dass ihm seine Frau alles glaube, sogar wenn er manchmal lügen musste und dass es ihn schmerzen würde. Dann ging er wieder zu Politik über, schilderte uns, dass er mit keinem Ägypter reden könne, da ihm aus Angst niemand zuhören würde.
Er sah zu Boden und hauchte "If they'd just know, that I think different, they would hang me." Dann schnappte er nach Luft, sagte, er müsse ins Freie und ging hinaus.
Das Gespräch hat in mir einiges bewegt. Aber vor allem fühle ich mich nicht mehr ganz so allein. Es ist, als hätte ich wenigstens einen Hauch mehr Vertrauen in die Menschheit zurüch erlangt.
Jedoch eben nur einen Hauch..

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