Mittwoch, 2. Mai 2012

Ich sitze da..

.. und starre auf die perfekt schimmernde Klinge des Stanleymessers in meiner Hand. Ich wiege es wie ein Neugeborenes. Es ist mein Lieblingstyp. Schlank und orange - dasselbe, das sie mir damals nach langer Zeit in Tulln entreißen konnten und nicht mehr zurück gegeben haben. Ich habe heute sehr oft mit dem Gedanken gespielt, mir ein neues zu kaufen, doch jetzt, zuhause, musste ich nur im Keller in die erste Lade greifen, die ich sah. Alles war voll mit diesen Prachtstücken. Nagelneu, sündhaft scharf - als würden sie hier nur darauf warten, dass ich sie finde.
Ich sehe sie an und muss lächeln, mein Herz hüpft auf und ab als wäre ich verliebt. 'Soll ich es mir jetzt schon gönnen?', frage ich mich und lecke mir voll Begierde über die Lippen. 'Nein, warte noch. Denke an all die negativen Dinge, die damit Hand in Hand gehen - es ist heiß, du würdest mit langen Ärmeln kollabieren! Deine Eltern würden so enttäuscht sein! Alle werden dich wieder ansehen, als wärst du ein Monstrum, sie werden dich mit Blicken bespucken, an den Pranger hängen. Sie wird dir wieder nacheifern, dich vielleicht übertreffen! Es würde alles nur noch schlimmer machen - du hast doch schon genug Probleme, Idiotin!'
Aber das Verlangen ist so groß, so überwältigend. Ich kralle meine hässlichen Finger um mein tötliches Kruzifix und atme schwer. Dann schlage ich meinen Kopf wieder und wieder gegen die Wand, stehe auf und werfe das Messer in meine Schultasche.
Ich kann nur noch darum beten, dass morgen ein guter Tag graut, denn hinausholen kann ich es nicht mehr und ich habe keine Ahnung, ob ich mich beherrschen kann, wenn ich dort Pflöcke ins Herz gerammt bekomme. Vor allem wird mich dort, im Gegensatz zur Klinik, niemand suchen.

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